4. Januar 2015

Du bist kein Berliner





Wenn man als Berliner in Wien lebt, bekommt man viel Anerkennung und Respekt, ja sogar Bewunderung nur dafür, das man eben aus Berlin kommt. Das ist kurios, denn Berlin ist groß, und ich könnte ja auch aus Berlin Kladow, Lübars oder aus Spandau stammen! Daran denkt und fragt aber keiner. 
Berlin? Cool! 
Eine häufige Reaktion ist auch ein unbändiger Drang mir von eigenen, ultracoolen Berlinerfahrungen zu berichten. Und das nervt doch. Da geht's dann immer um die Schlange vorm Berghain und versackten Nächten in der Russendisko vom Café Burger oder in anderen mir völlig unbekannten Szenetreffs. Ich lebe ja jetzt in Wien und kenne nicht mehr alles, aber ich denke mir dann nur "Du bist kein Berliner!", 
denn wenn man so unsägliche, aber typische Orte wie den Fehrbelliner Platz oder den Steglitzer Bierpinsel nicht kennt, dann hat man von Berlin keine Ahnung.  
Es gibt eine ganz eigene (West) Berliner Spießigkeit, die sich an diesen Orten und in TV Serien wie "Drei Damen vom Grill" und "Praxis Bülowbogen" manifestiert. Kennt man das, versteht man auch die Karriere von Klaus Wowereit und weiß überhaupt viel vom Berliner Wesen, das gar nicht undergroundig, sondern muffig ist.


Der Fehrbelliner Platz mit Verwaltungsgebäude aus den 30er Jahren und lustigen Denkmal. Und knalligen U-Bahn Eingang.
Der von den Berlinern spaßig getaufte Bierpinsel. Ein Frühwerk der Architekten, die auch dass ICC gewagt haben.
Schlangenbadener Straße. Geniale Idee, eine Autobahn mit einem gigantischen Wohnkomplex zu überbauen. Good Vibrations.
Der Walter Rathnenau Platz mit der umstrittenen Autoskulptur von W. Vostell (stärkster Bürgerprotest der 80er gegen ein Kunstwerk). Eine Hommage an die nackte Maja von Goya. Ach?

Umgekehrt sind auch Wiener in Berlin sehr beliebt und gut angesehen, im Gegensatz zu Bayern und Schwaben. Und die Berliner haben meistens auch keine Ahnung von Wien, aber der Wiener Dialekt gilt als charmant und die Küche als unwiderstehlich, was zahlreiche Austria Lokale am Leben erhält. Vorreiter war das legendäre "Exil" von Ossi Wiener (Papa von Sarah Wiener), das übrigens neben allem anderen auch sehr hübsche Streichholzpackungen verschenkte. Hat die noch jemand?